Oder: was eigentlich mit mir los war

Ich bin, zugegeben, ´ne kleine Prinzessin (geworden). Je älter ich werde desto mehr mag ich (alt)rosa, Glitzer, Schmuck, Uhren eben den ganzen Bling-Bling-Kram, den ich früher immer belächelt habe. Ich vermutete in jüngeren Jahren, dass man als reifende Frau eine seltsame Rückentwicklung zum kleinen Mädchen durchmacht. Aber jetzt merke ich, dass es eher einer Befreiung gleichkommt. Ich schäme mich eben nicht mehr dafür, im Paillettenkleid in die Disco zu gehen, bin stärker, selbstbewusster und traue mich endlich die Sachen, die ich im Moment wirklich mag, und die mein Herz höherschlagen lassen, auch zu tragen. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich meinen eigenen Stil mehr zelebriere oder daran, dass ich eine Tochter bekommen habe. Oder daran, dass mir bewusst geworden ist, dass solche Gelegenheiten endlich sind. Eine blöde Vorstellung mit 80 zu bereuen, dass man nie das Paillettenkleid in der Disco getragen hat, weil man sich nicht getraut hat und es jetzt zu spät ist.

So oder so ähnlich ist es mir auch mit dem Rest meines Lebens ergangen. Wer mir schon länger auf die Finger schaut hat mitbekommen, dass ich von Blog-Blockaden berichtet habe, mich aus den Sozialen Netzwerken zurückgezogen habe und Matrossel-mäßig ziemlich die Füße stillgehalten habe. Mein Mann sagt, ich hatte eine Midlife-Crisis, vielleicht stimmt das. Vielleicht könnte man auch spätere, oder weitere Selbstfindungsphase sagen. Existieren bedeutet ja Veränderung, Evaluierung, Konkretisierung und Stillstand ist nie gut. Eigentlich also eine natürliche Entwicklung im Laufe des Reifens, älter werden, leben.

Nähburnout – ein seltsamer Begriff. Aber wie mit anderen, seltsamen begriffen auch gewöhnt man sich nach einer Weile dran und pflegt es in den Alltags-Wortschatz ein. Ja, ich hatte wohl auch ein Nähburnout und ich befürchte, das ist ansteckend denn ich weiß, dass es einigen von euch auch so ging / geht. Und irgendwie habe ich in dessen Zuge so jegliche Freude am Nähen und Designen von Schnitten verloren. Nicht einmal schöne Stoffe konnten mich begeistern. Der Näh-und-Designer-Ofen war nicht nur abgekühlt, sondern wirklich mausetot. Zuerst das Gefühl, keine Zeit mehr zu haben, dann die Gewissheit keine Lust mehr zu haben, weil es mir einfach keine Freude mehr bereitet hat. Und da die Matrosselei einen Großteil meines Lebens beschlagnahmt hatte, ging es mir mit dem Rest davon ganz genauso. Ein Hamsterrad aus Frust, Selbstzweifeln, Vorwürfen, zu wenig Zeit und einem chronisch schlechten Gewissen. Nichts war mehr gut genug für mich.

Der Erste Schritt ist die Erkenntnis. Manchmal dauert es lange, bis diese kommt. Es ist ein bisschen so, als träfe man eine alte Bekannte während man nach einem langen Arbeitstag noch schnell den Wocheneinkauf macht. Man winkt ihr zu und geht mit einem Lächeln weiter, obwohl man doch weiß das man sie ansprechen sollte und es einem sicher guttun würde, mal zu entschleunigen und über den eigenen Tellerrand hinaus zu schauen. Eines der Dinge, die ich in meinem Leben gelernt habe ist, dass man nicht immer wissen muss was man will, sondern ich habe festgestellt, dass es der endgültige Auslöser für eine Veränderung ist, wenn man weiß was man nicht will!
So habe ich also alle Bereiche in meinem Leben beleuchtet und nach dem Prinzip „will ich nicht mehr“ sortiert. Oh man, was dabei für ein riesen Haufen Scheiße ans Licht gekommen ist könnt ihr euch garnicht vorstellen. Ein wenig erschrocken war ich schon, dass ich zu so einem innerlichen Messi für „Dinge, die mir und denen die ich liebe nicht guttun“ geworden bin.

Ich habe also die Bremse rein gehauen und so gut wie alles auf null gestellt, um zu spüren, worauf ich verzichten kann und worauf nicht. Ich würde euch jetzt gerne erzählen das es ein unglaublich spannender, und ein inspirierender Weg zur Selbsterkenntnis war, aber das wäre schlichtweg gelogen. Es war traurig, ernüchternd und wahnsinnig anstrengend. Der Teil des Lebens, den wir alle versuchen vor den sozialen Netzwerken und anderen Menschen in unserem näheren Umfeld zu verstecken. Das Gewöhnliche, das Alltägliche, das Verpflichtende nicht nur anzunehmen, nicht nur durchzuziehen, sondern dabei sich selbst, die Kinder, die Freunde, die Familie und den Mann wirklich zu lieben, das ist anstrengend, erfordert jede Menge Selbstdisziplin und Demut.

Verständlich sicherlich, dass ich in diesem Zuge wahrhaftig daran gedacht habe, mit der Matrosselei aufzuhören. Warum auch nicht?! Wie viele Nächte habe ich mir am Rechner um die Ohren geschlagen, wie oft meine Kinder und / oder meinen Mann vertröstet, weil ich eben noch schnell was fertig machen, ein Mail schreiben, einen Beitrag posten oder was fotografieren wollte. Wie oft habe ich aufs Ausgehen verzichtet, nur um euch einen neuen Schnitt zu präsentieren. Klar ist es ein tolles Gefühl, wenn die Instagram-Herzchen und Facebook-Däumchen sich häufen und man von Gleichgesinnten Anerkennung für das Geschaffene bekommt. Aber wie niederschmetternd, wenn einem auffällt, dass die Kinder am Samstag-Morgen erstmal fragen, ob man heute mal Zeit hat oder wieder am Computer arbeiten muss. Und es ist ja nicht so, als ob ich hauptberuflich Matrossel bin. Ich habe vorrangig einen, gar nicht mal so einfachen, „Haupt-Job“ im Feasibilty-Management im Bereich klinische Forschung.

Ich habe mir also mühsam wieder Zeit zurück erkämpft. Als ich merkte, dass ich am Tag Momente hatte, in denen ich mich tatsächlich gelangweilt habe, begann ich sie wieder Stück für Stück mit kleinen Projekten, Kuschelzeit mit den Kindern, Memory-Spielen mit meiner Tochter und Lesen mit meinem Sohn zu füllen. „Füllen“ – darauf liegt dabei die Betonung denn das erfüllte mich selbst ungemein und mehr, als es jedes Facebook-Herzchen oder erfolgreiches Ebook je könnte. Und heute bin ich an einem Punkt angekommen, an dem ich ganze Abende tatsächlich einfach nur mit meinem Mann auf der Couch verbringe, ohne den Rechner, ohne das Smartphone. Einfach nur so, gemeinsam nen Film schauen, spät noch kochen oder den Plattenspieler rotieren lassen, Bier trinken und über Gott und die Welt quatschen. Eigentlich was ganz Normales finde ich jetzt, war aber über einige Jahre kaum möglich.

Anfang 2018 kam dann Tatjana von Sewunity auf mich zu mit ihrem Adventskalender. Irgendwie fand ich das ´ne tolle Idee, einen Schnitt exklusiv dafür zu kreieren, keine Rabattcoupons, kein Kalender mit Schnitten, die man vielleicht schon kennt oder schon hat. Ich merkte zwar schon deutlich, dass mein Energielevel gleich null war, dachte aber „Hey, bis Oktober schaff ich das doch locker!“ Die Monate vergingen, wie es so üblich ist schneller als man denkt, und auf einmal bekam ich im Oktober einen mittleren Nerven-Zusammenbruch, weil ich feststellte, dass ich null Ideen, und kaum noch Zeit hatte, um einen Schnitt für diesen Kalender zu erschaffen. Ich habe mich richtig schlecht gefühlt, mich verflucht für meinen Müßiggang, geheult, eine nach der anderen geraucht. Am nächsten Morgen auf dem Klo dann auf einmal der Geistesblitz: der Schleifenausschnitt.

Danach ging alles wie von selbst und ich schaffte es tatsächlich innerhalb eines Monats den Schnitt zu finalisieren, zu Nähen, zu Knipsen, die Anleitung zu gestalten und zu schreiben, Probenäher im Geheimen zu finden und pünktlich abzuliefern. Den entstandenen Schnitt „Goldregen“ bekommt ihr ab heute natürlich auch im Matrossel-Shop.
Ich freue mich ja auch riesig darüber, wenn ich Nachrichten, Mails und Kommentare von euch bekomme, dass ihr euch freut das ich „wieder zurück“ bin. Aber aus psychohygienischer Sicht muss ich sagen, dass ich es weiterhin ruhig angehen lasse. Ich bin eben einfach eine One-Woman-Show und kein Unternehmen! Und all diese Dinge wie diese Website pflegen, das Konzipieren von Schnitten, Texte für Anleitungen schreiben, Beiträge, Newsletter und Blogs zu verfassen, ja sogar diese Bilder meines Lila-Maxi-Monsters mit Selbstauslöser zu knipsen und dafür alles aufzubauen, durchzuschauen etc. PP kostet einfach unglaublich viel Zeit. Vor allem, in Eigenregie! Dass soll keine Beschwerde sein, denn ich könnte Garnichts davon aus der Hand geben. Ich finde es grandios, dass alles genau so ist, wie ich es haben will und ich in diesem Bereich null Kompromisse eingehen muss. Aber ich werde den Dingen jetzt die Zeit geben, die sie eben brauchen.

Ich will für meine Kinder da sein, so lange sie klein sind. Trotz dessen aber nicht erst in 15 Jahren, wenn sie aus dem Haus sind, mein Leben genießen, dann erst Zeit mit meinem Partner verbringen und unabhängig werden. Ich will mich jetzt schon selbst verwirklichen, Reisen, romantisch essen gehen, meine Projekte umsetzen und den Ideen in meinem Kopf eine wahrhaftige Form geben. Dazu gehört auch ein bisschen Matrossel, aber vor Allem ganz viel Anja!